Hier ein Versuch versch. Wirtschaftsbegriffe zu skizzieren und die Vor- & Nachteile kurz zu erläutern. Die Liste ist sicherlich nicht vollständig, trotzdem hoffe ich einen Überblick schaffen zu können und es manchen hilft sich in der Welt der Wirtschaft besser zurechtzufinden. (Ich bin ja selbst sehr weit davon entfernt ein Experte auf dem Gebiet zu sein). Als Anmerkung: zwar stimme ich nicht allen Äußerungen in den Links zu, sie sind aber allesamt lesenswert.

(1) Wirtschaftswachstum
In den Medien oft als non plus ultra hochstilisiert: Die Zukunft hängt von ihm ab!! Und mit leichten Abstrichen muss man das auch (noch) gelten lassen – über Begrifflichkeiten (Stichpunkt: “Nachhaltiges Wachstum”) lässt sich streiten, die Messprobleme sind (oder sollten) aber jedem Wirtschaftswissenschaftler bekannt (sein).
Trotz aller Kritik ist das Wachstum ein wichtiger Indikator (vgl. BIP pro Kopf) für die ‘Gesundheitheit‘ einer Volkswirtschaft (VW). Über die Einflussfaktoren auf das Wirtschaftswachstum gibt es viele verschiedene Theorien: Kapitalrendite? Sparquote? Humankapital? Verteilungskoalitionen? Ein interessanter Artikel dazu: Building Blocks of Economic Growth.

(2) Arbeitslosigkeit
Arbeitslosigkeit wird oft in der Tagesschau gezeigt, ist aber eher zu vernachlässigen. Viel wichtiger ist die Beschäftigungsquote einer VW. Das liegt daran, dass während Abschwungsphasen viele potentielle Arbeitnehmer den Arbeitsmarkt kurz- bzw. mittelfristig verlassen, heißt: keine Arbeit mehr suchen und somit nicht als arbeitslos, aber trotzdem als beschäftigungslos gelten. Ich finde leider keine schöne Grafik, die das für viele Länder zeigen würde. Die hier vielleicht. Überhaupt ein sehr schöner Post zur Arbeitslosigkeit, v.a. weiter unten: Spanien: knapp 5 Millionen Arbeitslose.

(3) Inflation
Inflation hat zwei Ursachen (angenommen die Zentralbank ist unabhängig): Nachfragesoginflation (höhere Nachfrage) oder Kostendruckinflation (z.B. höherer Ölpreis). Zu beachten sind hier die versch. Inflationsindizes, z.B. Kerninflation (KI), Verbraucherpreisindex (VPI) & BIP-Deflator.
Die KI wird von der Federal Reserve benutzt um langfristig präzisere Prognosen zu erstellen. In den Tagesthemen bekommt man die HICP zu Gesicht, die zwar eine bessere Momentaufnahme abbildet, allerdings sollte man die Geldpolitik nicht nach ihr ausrichten. Was die EZB sehr zum Erstaunen vieler Wirtschaftsblogger aber macht. Das Resultat: Ist die EZB auch noch für die Zuspitzung der Krise verantwortlich? oder If you don’t want to take on their sovereign debt, make ‘em grow!

(4) Schulden
Es ist unmöglich zu sagen wie viele Schulden zu viel sind [hier] – die meisten haben einen willkürlichen “Cut-Off”-Point (100%, 150%, halt schön runde Zahlen, die nichts aussagen (sollten)). Viel wichtiger sind die Verschuldungsmöglichkeiten eines Landes, heißt wie viele Zinsen man auf Staatsanleihen zahlen muss: Je niedriger die Rendite ist, umso weniger wird mit einem Ausfall (normalerweise) gerechnet und desto besser ist das für den Staat. Allgemein sind Zinsen ab 6% als kritisch einzuschätzen.
Dieses Bild ist ohne die CDS aber nicht vollständig. Und wenn es noch komplizierter werden soll, dann muss man sich anschauen WER die Schulden hält. Andere Staaten? Die Bevölkerung? In welcher Währung? etc. Eine starke Analyse gegen die “Schulden sind schuld”-Rhetorik von Finanzminister Schäuble findet sich hier: Teil 1, Teil 2. Polemischer hier.

(5) Budgetdefizit
Der Begriff ist – denke ich – selbsterklärend und hängt u.a. mit dem Schuldenstand zusammen (Italien erwirtschaftet z.B. mehr als es ausgibt, muss aber die Zinsen der Altschulden begleichen und macht somit weiterhin Schulden). Wenn man sich gerade günstig verschulden kann, sind Budgetdefizite sicherlich nicht so schlimm. Wichtig ist allerdings immer anti-zyklische Fiskalpolitik, die in Demokratien aber anscheinend “nicht” durchsetzbar ist und deswegen zu mehr institutionelle Schranken der Politik führen wird (Schuldenbremse, BVerfG, etc.).
In einer Krise wird man sich dann in den Arsch beißen, weil diese Schranken credible commitment produzieren müssen, die aber gerade bei außergewöhnlichen Situationen die einzig wirklichen Lösungen automatisch ausschließen könnten. Berechenbarkeit ist erforderlich und somit sind unorthodoxe Lösungen nicht mehr möglich, bzw. erst wieder nach der Anpassung der Schranke. Eine schöne Visualisierung für das Budgetdefizit findet man hier.

(6) Produktionslücke
Nach jeder Wirtschaftskrise gibt es eine Lücke zwischen Trendlinie (Produktionspotential) und eigentlich Produktion (Bruttoinlandsprodukt). Je größer sie ist, desto weiter entfernt ist man vom eigentlich gedachten Pfad. Man muss aber aufpassen, dass man eine lange Zeitreihe anschaut: zu kurz. Und ob man sich das Bruttoinlandsprodukt anschaut oder die Produktionskapazitäten. Hier sieht man schön, dass Amerika von einem offenbar künstlichen Wachstum profitiert hat (oder intepretiere ich die Grafik falsch?). Die erste Grafik in diesem Artikel stellt es womöglich. besser da (schwarze vs graue Linie). Und hier ohne Trendlinie, dafür die Entwicklung in der Eurozone (in blau).

(7) BIP/Produktivität pro Kopf
Ist wichtig, weil dann einige Länder, die glauben, sie arbeiten doch so viel, trotzdem nicht unproduktiver sind, z.B. lag Deutschland 2005 knapp unter den USA, während Frankreich mit $54/Arbeitsstunde weit höher als die USA ($48) und Deutschland ($47). Deutsche und Franzosen arbeiten somit um einiges weniger, produzieren pro Stunde aber gleich viel bzw. einiges mehr.
Ein internationaler Vergleich ist aber aufgrund unterschiedlicher Buchungsmethoden schwer. Das BIP pro Kopf bietet auch kein exaktes Maß für Lebensqualität und Glücksbefinden, ist aber sicherlich ein guter Anhaltspunkt (hohe Korrelation mit HDI, FHI, etc.).

(8) Lohnentwicklung
In einer Exportnation, in der man auf dem Weltmarkt operiert, kommt es indirekt zu einer Stagnation der Einkommen, wie Deutschland schmerzlich in einer langen Zeit von sinkenden Reallöhnen gespürt hat. Für die Stagnation siehe den Post hier oder hier. Die Löhne sind meistens ein Resultat aus Wirtschaftswachstum und der Arbeitslosenrate.
Wächst die Wirtschaft werden mehr Menschen eingestellt und damit haben die Arbeitnehmer mehr Verhandlungsmacht (deswegen sind Gewerkschaften wichtig) und können ihre Löhne steigern. Wenn eine Firma aber auf dem Weltmarkt operiert oder ihre Produktion ins Ausland verlagern kann, dann haben die Arbeitnehmer weniger Verhandlungsmacht. Gleichzeitig gilt: Für Jobs, die keine Expertise verlangen (z.B. Putzfrau) kann ein sehr niedriger Lohn gezahlt werden, weil sich viele Abnehmer finden. Firmen finden nur keine Arbeitnehmer, wenn sie den Lohn entsprechend anpassen. Insofern sind deutsche Firmen selber Schuld. Siehe auch: Doesn’t NPR Know That the Wage Matters for Workers? oder Wall Street Journal Finds Evidence that Employers Cannot Find Qualified Staff for Top Management Positions

(9) Einzelhandelsumsätze
- ein wichtiger Indikator für die vergangene wirtschaftliche Entwicklung. Beispiel: Schwache Einzelhandelsumsätze aus Deutschland. Die Einzelhandelsumsätze können bis zu 70% einer Wirtschaft ausmachen (dazu finde ich die Quelle aber nicht mehr).

(10) pro- oder anti-zyklische Fiskalpolitik
- wenn jmd. in einer Wirtschaftskrise sagt, dass man sparen muss, sollte man sofort aufhorchen. Es gibt genügend Studien, die zeigen, dass dies zu einer Schulden-Deflationsspirale führen kann, die weitaus schlimmer ist als kurzfristige 4-5% Inflation. Allerdings heißt das nicht, dass bei einem aufgeblähtem Staatsapparat, wie er z. Zt. in Griechenland existiert, nicht zu kürzen wäre. Das Problem ist natürlich, dass niemand eine Streichung akzeptieren würde, wenn es dem Land gut geht. Das würde das Ende für die Regierungspartei bedeuten. Somit werden selten Rücklagen gebildet, auf die in einer Krise zurückgegriffen werden könnte.

Ursprünglich vorhanden dann aber gestrichen: Verbrauchervertrauen, Geschäftsklimaindizes, Handelsbilanzdefizit, Industrieproduktion und Konsum. Vielleicht screhibe ich irgendwann einen zweiten Beitrag.

Für eine langfristige Betrachtung ist sicherlich noch zu beachten: (1) Investitionen in Bildung und Infrastruktur, (2) die demographische Entwicklung (Renten- & Krankenkassenkosten), (3) Geldpolitik der Zentralbank, für (4) politische Stabilität und Gerechtigkeitsfragen: Einkommensverteilung. Eine komplette Einschätzung eines Landes sollte natürlich eher so aussehen: THE LAND OF THE SETTING SUN: The Ultimate Bear Case On Japan.

http://epp.eurostat.ec.europa.eu/tgm/table.do?tab=table&plugin=1&language=en&pcode=tsieb020

Indikatoren für das globale Wirtschaftsklima:
US Surprise Index: What does it measure? Compared to 10yr-Yields. On Bloomberg.
Gegenwart: HARPEX. Tabelle.
Zukunft: Baltic Dry Index. Tabelle.

(Einige) Quellen (soweit nicht verlinkt):
Strobl, Thomas (2010): Ohne Schulden läuft nichts – Warum Sparsamkei nicht reicher, sondern ärmer macht. dtv: München.
Blanchard, O./Illing, G. (2006): Makroökonomie. Pearson Studium: München.
Behrends, Sylke (2001): Neue Politische Ökonomie: systematische Darstellung und kritische Beurteilung ihrer Entwicklungslinien. Vahlen: München.